Meine Generation hat versagt...
Dr. med. Christelle Beti über ihre erste persönliche Begegnung mit Dr. Denis Mukwege
DR KONGO


Bei der Fachtagung „Frieden im Kongo – gerecht und dauerhaft?“ diskutierten rund 130 Gäste die zentrale Frage, ob und unter welchen Bedingungen ein gerechter und nachhaltiger Frieden in der Demokratischen Republik Kongo möglich ist.
Im Mittelpunkt des Abends stand Dr. Denis Mukwege – Friedensnobelpreisträger 2018, Gründer des Panzi-Hospitals in Bukavu und eine der international wichtigsten Stimmen für Gerechtigkeit und juristische Aufarbeitung der Gewaltverbrechen im Kongo.
Seine Analyse der wirtschaftlichen Dimension des Krieges, seine Forderung nach transitionaler Justiz und seine klare Haltung gegenüber internationaler Straflosigkeit prägten die Diskussion.
Im Anschluss an die Veranstaltung haben wir mit Dr. Med. Christelle Beti über ihre erste persönliche Begegnung mit Dr. Mukwege gesprochen.
Dr. med. Christelle Beti ist Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und engagiert sich intensiv für Frauenrechte sowie humanitäre Gesundheit. Sie ist Mitglied des Vorstands des Deutsch-Kongolesischen Instituts e.V. und zählt zu den Gründungsmitgliedern des Friedensnetzwerks Kongo. Darüber hinaus arbeitet sie als Referentin zu Themen sexualisierter Gewalt in Konfliktgebieten und setzt sich mit ihrer Expertise für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen in Krisenregionen ein.


Autor


Gründer von LuX Mwinda
Jonas Ndombasi Bidiamba
Bild: Glorious Pics






Das Interview
Bidiamba: Frau Dr. Beti, Sie sind Dr. Mukwege bei dieser Fachtagung erstmals persönlich begegnet. Worum ging es inhaltlich an diesem Abend?
Dr. Beti: Das Thema der Fachtagung zur Demokratischen Republik Kongo war die Frage, ob ein gerechter und nachhaltiger Frieden im Kongo möglich ist und durch welche konkreten Wege dieser erreicht werden kann..
Bidiamba: Wie haben Sie die Atmosphäre und das Publikum erlebt?
Dr. Beti: Es waren etwa 130 Personen anwesend. Die Stimmung war ausgesprochen unterstützend, aufmerksam und wissbegierig.
Eine Persönlichkeit wie Dr. Mukwege persönlich zu erleben, ist ein besonderes Ereignis. Das Publikum lauschte seinen Worten gebannt und mit großer Konzentration.
Dr. Mukwege betonte insbesondere die wirtschaftliche Dimension des Krieges.
Bezüglich eines gerechten und nachhaltigen Friedensprozesses insistiert er auf einer juristischen Aufarbeitung der Kriege im Kongo.
Er plädiert für eine Form der transitionalen Justiz, bei der der Schwerpunkt auf der Klärung von Verantwortlichkeiten und der Entschädigung der Opfer liegt.
Zudem fordert er, dass Friedensverhandlungen auch multinationale Konzerne einbeziehen, um Transparenz herzustellen und wirtschaftliche Interessen offen zu adressieren.
Seine persönliche Botschaft an uns war, dass der Kongo unser gemeinsames Erbe sei. Niemand könne den Kongo so lieben wie wir selbst und niemand werde sich so sehr für ihn einsetzen wie wir gedenken es tun.


Bidiamba: Wie war Ihr persönlicher Eindruck von ihm als Mensch?
Dr. Beti: Er ist genau so, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Er ist ein weiser, warmer und tiefgründiger Mensch, geprägt von außergewöhnlicher Empathie. Er ist ein überzeugender Redner und zugleich ein Staatsmann.
Trotz internationaler Anerkennung und zahlreicher Auszeichnungen ist er bemerkenswert bodenständig und nahbar geblieben. Er ist ein Mann mit einem klaren moralischen Kompass, der seinen Überzeugungen treu bleibt und sich nie auf seine Privilegien als renommierter Arzt zurückgezogen hat.
Wir Kongolesinnen und Kongolesen haben nur wenige emblematische, moralisch integre Persönlichkeiten, zu denen wir kollektiv aufschauen können.
Er ist zweifellos einer von ihnen.
Für mich ist er neben Patrice Lumumba der einzige Kongolese, der diesen historischen Status verdient.
Der Krieg im Kongo ist kein isolierter regionaler Konflikt. Er ist die Fortsetzung einer historisch gewachsenen, global eingebetteten Ausbeutungsstruktur beginnend mit dem transatlantischen Sklavenhandel bis in die Gegenwart.
Frieden wird nur möglich sein, wenn Aggression klar benannt wird, Straflosigkeit beendet wird, wirtschaftliche Interessen reguliert werden und internationale Doppelstandards überwunden werden.
Technischer Fortschritt, der auf Ausbeutung, Vertreibung und Tod beruht, ist keine grüne Transformation, sondern eine blutige.
Ressourcenextraktion unter Besatzung ist kein legitimer Handel.
Wer Frieden will, muss zuerst die Realität korrekt benennen.
Der Frieden im Kongo scheitert nicht an fehlender Diplomatie, sondern an fehlender Konsequenz gegenüber Aggression und an einer globalen Wirtschaftsordnung, die von Instabilität profitiert.
Bidiamba: Gab es einen Moment, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Dr. Beti: Ja! Als er sagte, seine Generation habe versagt und er wünsche sich, dass unsere Generation Viele besser mache, hatte ich zwei Gedanken.
Zum einen:
Er als Individuum hat nicht versagt. Er hat alles getan, was in seiner Macht stand. Wenn überhaupt, dann hat das politische und gesellschaftliche Kollektiv der kongolesischen Elite seiner Generation versagt.
Zum anderen wurde mir bewusst, dass seine Generation ein bestimmtes Alter erreicht hat und dass nun wir die Generation sind, auf die man schauen wird.Werden wir eines Tages sagen müssen, auch wir hätten kollektiv versagt? Oder werden wir unserer Verantwortung gerecht werden? Mir ist mal wieder klar geworden, dass die Themen, für die ich einstehe, ein lebenslanges Engagement bedürfen
Bidiamba: Was sollten die Menschen aus diesem Abend mitnehmen?
Dr. Beti: Wir alle tragen Verantwortung ob als Konsumenten, als Wählerinnen und Wähler, als Mitglieder demokratischer Gesellschaften. Die Arbeit von Dr. Mukwege braucht Unterstützung.
Sie braucht strukturelles Engagement.
Und sie braucht Menschen, die bereit sind, sich einzubringen, nicht nur moralisch, sondern institutionell. Unterstützt die Genocost-Bewegung und die Schaffung eines Tribunals für den Kongo.
Bidiamba: Ich nehme die kongolesische Regierung in die Verantwortung.
Ich nehme die internationale Gemeinschaft in die Verantwortung. Und ich nehme uns selbst in die Verantwortung. Der Kongo braucht nicht nur Mitgefühl, sondern Konsequenz.
Konsequenz im Völkerrecht und in der Strafverfolgung sowie in der Wirtschaftspolitik.
Diese Konsequenz ist letztlich unsere Definition von Fortschritt.
Bild: Glorious Pics, Dr. Med. Christelle Beti aus Wuppertal
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